Heimatstube Freiheit e.V.

 

Osteroder Kreisanzeiger 26.05.1982

1830 begann für Osterode das Maschinenzeitalter
Ein Bäckergeselle baute Spinnmaschine - Erste elektrische Beleuchtung in der Freiheit

OSTERODE. Daß in Osterode ausgerechnet mit der Erfindung eines Bäckergesellen 1830 das Maschinenzeitalter eingeleitet wurde, berichten neuere Akten im Stadtarchiv. Der sonst nirgendwo genannte einfache Bäckergeselle Schöttler bastelte auf dem »Rotenhaus« in Osterode, einem damals bekannten Gasthof und Ausflugslokal, das allenthalben in der Stadt sehr bekannt war, 1830 als »hobby« eine Spinnmaschine für die Osteroder Tuch- und Spinnbetriebe und stellte sie dort auch auf.

Seine Versuche waren so erfolgreich, daß die Wollwarenfabrik Greve von ihm die Maschine übernahm. Für diese Spinn- und andere Maschinen bestanden 1895 in Osterode bereits drei Maschinenwerkstätten. Man war insbesondere in der Freiheit, der damaligen Nachbargemeinde und dem heutigen Ortsteil, auf dem Gebiete des Maschinenbaues sehr tätig. Die einschlägigen Handbücher der damaligen Zeit vermerken dort mehrere Eisen- und Maschinenbetriebe. In der Fabrik Allwörden-Babendieck wurde 1888 erstmals eine voll elektrische Beleuchtung in Betrieb genommen. Sie besaß eigene Aggregate. Die Stadt seihst erhielt erst 1907/08 Anschluß an das Elektrizitätsnetz. In Eisdorf versorgte 1910 das »Elektrizitätswerk Eisdorf GmbH« einige Ortschaften mit Strom. Hier stand als Energiequelle zunächst aber nur die Wasserkraft der Söse zur Verfügung. Am Stadtrand von Osterode ist dann ein größeres Werk mit Heißdampflokomobilen mit zusammen 2000 PS errichtet worden. Es erhielt den Namen »Licht- und Kraftwerke Osterode«. Da das Osteroder Werk mit seinem Leistungsaufkommen zu klein war, wurde es 1925 über das Umspannwerk Münchehof an das Hochnetz der hannoverschen Großkraftwerke angeschlossen. Interessant ist, daß nach Berichten der Osteroder Kreisausschusses noch 1907 im Kreis Osterode 146 Dampfmaschinen gezählt wurden. Sie unterstanden hinsichtlich ihrer Überwachung und ständigen Überprüfung dem »Hannoverschen-Dampfkessel-Überwachungsvereiri«. Nur der Kreisausschuß in Osterode durfte die Genehmigung zur Aufstellung von Dampfmaschinen erteilen.

Auch für Osterode und' die Tuchfabriken am Ort war die Anschaffung mechanischer Spinnmaschinen 1830 sicher eine große Errungenschaft. Sie standen zuerst bei Greve und Piderit und besaßen je zwanzig Spindeln, die zuerst noch mit Menschenkraft und durch die Gefalle der Söse und des Mühlengrabens angetrieben würden. Die heutige Abgunst und der in der Nähe dort abgeleitete Mühlengraben (von der Bezeichnung Abzucht wie in Goslar) war «in bevorzugtes industrielles Quartier.

Fragt man um diese Zeit nach dem Stand der Wollzeugfabriken in der Stadt, so hatte diese 1831 noch immer 125 »Spinnstühle« in Betrieb, die über 500 Arbeiter beschäftigten.

Das Hauptabsatzgebiet für die Osteroder Fabrikate war Norddeutschland, da bei den hohen Zöllen eine Einfuhr in das benachbarte Preußen kaum möglich war. Statistische Berichte, die u. a. auch an die Regierung in Hildesheim, die damalige Landdrostei, gingen, zählen um diese Zeit folgende Tuchfabriken in Osterode auf: Gebrüder Dameral, Graseler und König, Greve und Um, Ludolf Greve, Wilhelm Greve d. A., Johann Friedrich Struve, Wilhelm Struve.

Der Anschluß an das Eisenbahnnetz, vor allem an die Nord-Süd-Strecke, ist stets ein besonderes Anliegen der Stadt und ihrer Fabrikbetriebe gewesen. Übrigens hatte noch in den 60er Jahren des Vorigen Jahrhunderts die Stadt eine eigene Handelskammer. Es ist aber nie gelungen, eine Eisenbahnverbindung in den Oberharz über Osterode zu verwirklichen. Zwei Weltkriege haben das Projekt vereitelt; Die Osteroder kreiseigene Bahn nach Kreiensen über das Alte Amt Westerhof könnte wenigstens einen gewissen Ausgleich bringen und einen Anschluß nach Kreiensen verwirklichen. Es war die Braunkohlengrube Ernst zu Düderode, die die erste Anregung zur Schaffung einer Kreisbahn gab. Das war 1889. Aber die staatlichen Stellen lehnten damals ab. Erst am 19.12.1890 fand dann eine entscheidende Sitzung statt, die im Kreistag den Bau einer Kreisbahn befürwortete. Die Schlußstrecke der inzwischen gänzlich still gelegten Kreisbahn wurde am 1. Mai 1901 eingeweiht. Heute muß man es im Interesse des Fremdenverkehrs sehr bedauern, daß nicht wenigstens die alten Dampfloks und Waggons für eine auch anderenorts beliebte »Fahrt in die alte Zeit« gerettet wurden.

(Stadtarchiv und Kreisarchiv Osterode) Dr. Martin Granzin

 

 

 

 

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